Samstag, 11. Juli 2026

Galeas per montes - 1439

Erinnern Sie sich noch an Fitzcarraldo? Den Film von Werner Herzog aus dem Jahr 1982 mit Klaus Kinski in der Hauptrolle? In diesem ließ der Hauptcharakter ein Schiff über einen Berg ziehen. Er hatte ein Ziel. Nämlich, die Stromschnellen des einen Flusses, auf dem er sich befand, zu umgehen, um dann in die breiteren Gewässer des anderen Flusses, seinem Ziel, wieder einfahren zu können. Dazwischen lag ein Berg. Den galt es zu überwinden. Die Filmszenen waren damals gewaltig. Auch die unflätigen Streitereien die Kinski am Filmset entfachte. Angeblich sollen die am Set mitwirkenden indigenen Statisten sogar Werner Herzog angeboten haben, Kinski zu töten, wenn er dies wünsche. Zu sehr waren sie vom Verhalten des Schauspielers geschockt.



Irgendwie musste ich unwillkürlich an Fitzcarraldo denken, als ich das erste Mal von der Geschichte hörte, die ich Ihnen heute erzählen möchte. An das Schiff, aber auch an Kinski selbst, der vor meinem geistigen Auge auch in dieser Geschichte eine Hauptrolle hätte übernehmen können.


 

Natürlich müsste er seinen Helm aus Aguirre, der Zorn Gottes tragen (1972). Das würde sogar ungefähr passen.


„Galeas per montes“ heißt die Aktion. Sie ereignete sich im Jahr 1439 und bedeutet nichts anderes als die Galeeren über die Berge zu bringen. Vom Etschtal über die Berge in den nördlichen Teil des Gardasees.
Denken Sie bitte auch filmisch, wenn sie sich das vorstellen wollen. Sie sehen Venedig, den Markusplatz, den Dogen, der umringt von einer begeisterten Menge die Schiffe verabschiedet. Diese dümpeln am Kai. Letzte Vorbereitungen werden getroffen. Parallel dazu hat jetzt, in diesem Moment, der Doge die Arme weit geöffnet und er schreit, einem Schlachtruf gleich, das Signal heraus: „Galeas per montes!!!“
Die Menge jubelt, lässt ihn hochleben, und selbst der kleine Taschendieb, der durch die Menge schleicht, muss ihm recht geben: Ja, wenn Du eine Seemacht bist, dann musst Du Deine Spezialwaffe eben dahin bringen, wo es keiner vermutet, um zu siegen. Und was gibt es Leichteres zu tun, als im beginnenden 15. Jahrhundert Schiffe über die Berge zu bringen.
Sie stimmen doch sicherlich schon jetzt mit mir überein, dass das alles schon ziemlich episch ist; und es ist dann auch wieder eine Aktion, die man gemeinhin als „übertrieben dargestellt“ bezeichnen würde, käme man auf den Gedanken sie zu verfilmen. Aber die Darstellung ist nicht übertreiben, sie ist real.
Sollten Sie meine lieben Leser demnächst einmal zum Gardasee fahren, dann empfehle ich Ihnen an der Brennerautobahn bei Mori (Trentino) abzufahren, dann die SS240 zu nehmen, um über Loppio nach Torbole, an das Nordostufer des Gardasees zu kommen.
Genau diese knapp 15 km sind diejenigen, die auch die Galeeren genommen hatten.



Zu Beginn des 15. Jahrhunderts standen in Oberitalien drei Staaten in direkter Konkurrenz, um ihre Einflußgrenzen entsprechend zu erweitern. Da war zum einen das Herzogtum Mailand, regiert von den Viscontis, zum anderen die beiden Republiken Florenz und Venedig. 1423 dachte Filippo Mari Visconti man sollte seine Grenzen einfach mal in die Romagna erweitern, wohl wissend, dass diese Region aber im Einflussgebiet der Republik Florenz lag. Die Stadt bat Venedig um Hilfe. Es folgte die Phase der lombardischen Kriege, die dann erst im Jahr 1454 mit dem Frieden von Lodi beigelegt wurden.
Venedig hatte sich mit der Besetzung der Städte Brescia (1426) und Bergamo (1428) Sprungbretter in der Lombardei gesichert. 1438 standen die Mailänder vor den Toren Brescias und wollten dem Spuk ein Ende setzen. Die venezianische Besatzung Brescias unter dem Condottiere Gattamelata konnte sich auf Umwegen über die Berge letztendlich nach Verona zurückziehen. Die Stadt selbst ergab sich nicht. Folglich sahen sich die Venezianer veranlasst irgendetwas zu tun, um die Stadt doch noch zu entsetzen. Hier entstand der Gedanke die Entscheidung auf dem Wasser zu suchen. Mit einer Schlacht auf dem größten Gewässer der Region, dem Gardasee. Dummerweise befand sich zu diesem Zeitpunkt aber kein Kriegsschiff der Venezianer vor Ort. Der Süden des Sees, der Osten, die Zuflüsse des Mincio waren in der Hand der Mailänder, die hier sehr wohl Schiffe stationiert hatten. Damit war eine Verschiffung einer venezianischen Flotte von der Adria, über den Po, den Mincio in den See nicht möglich. Irgendjemand hatte dann die Idee über den Norden zu kommen. Zum Etschtal bestand eine direkte Verbindung, und dann, ja dann musste man ja nur noch über den Berg.
Gedacht, gesagt, getan.
2000 Zugtiere wurden organsiert, mehrere hundert Mann verpflichtet, der Weg freigelegt, Bäume gefällt, der Boden nivelliert. Die Schiffe kamen in Mori an. Die kleineren wurden auf Karren geladen, die großen Schiffe über Rundhölzer weiter transportiert.
Wir reden hier übrigens von 25 größeren Booten und sechs Galeeren unterschiedlicher Größe. Eine richtige Flotte!!!!


Auf den ersten 7 km waren 70 Höhenmeter zu überwinden. Das klingt nicht viel. Aber denken sie an die Anzahl der Schiffe. Dann wurden die Boote wieder am Loppiosee, der heute nur noch eine Sumpflandschaft bildet, wieder zu Wasser gelassen. Von hier bewegte man sich an das andere Ufer unterhalb des Passo San Giovanni. Mit Seilwinden, sogar unter Zuhilfenahme der Segel, ging es danach den steilen Anstieg nach oben. Drei Galeeren konnten pro Tag auf den Pass geschafft werden. Dann ging es wieder nach unten, auch gefährlich. Die Boote mussten kontrolliert abgeseilt werden. Ein Riesenaufwand. Häuserecken auf der Passhöhe in Nago mussten abgerissen werden, damit die Schiffe um die Ecken kamen. Selbstverständlich mussten beim Auf- und Abstieg auch Felsen weggeräumt werden, die die enge Schlucht behinderten.
Letztendlich, 18 Tage nachdem man in Mori angelandet war, erreichte die Flotte im März 1439 Torbole, und wurde zu Wasser gelassen.


Es kam in der Folge zu mehreren Seegefechten auf dem Gardasee mit den Mailändern. Im September ging der Großteil der Flotte vor Maderno verloren.
Aber die Taktik war als die richtige erkannt worden. In Torbole selbst wurde jetzt eine neue Flotte gebaut. Das zum Teil vorgefertigte Material zum Bau war wieder über die gleiche Route zum Gardasee geführt worden. Im April 1440 schlug diese venezianische Flotte die Mailänder vernichtend vor Riva dl Garda. Der komplette Gardasee war nun unter Kontrolle Venedigs. Brescia konnte entsetzt werden, die Belagerung wurde beendet.
Eine beeindruckende Geschichte. Stellen sie sich einfach den fluchenden Kinski mit seinem Aguirre Helm einmal auf dem ganzen Weg vor, wie er hin und her reitet, jeden als „Arschloch“ bezeichnet, und wutschnaubend auf irgendwas einschlägt, und wie er dann, zum Ende des Films, völlig irre guckend, auf dem Flagschiff in den Tod segelt. Das wäre ganz großes Popcornkino.
Na und jetzt sind Sie gefragt.
Kann man das im Tabletop umsetzen? Keine Ahnung.
Wenn man es könnte, hätte Don Voss doch sicherlich schon etwas gebastelt. Das wäre doch genau Dein Ding Don, oder???
Aber warum es noch kein Großdiorama zu diesem Thema gibt, kann ich mir auch nicht erklären. Ein Diorama bestehend aus mehreren Teilen: 1. Die Flotte wird vorbereitet 2. Der erste Anstieg 3. Auf dem Loppiosee 4. Der Aufstieg zum Pass 5. Hinunter nach Torbole 5. Die Seeschlacht.
So etwas sähe richtig gut aus.
Na ja, vielleicht wird ja irgendjemand durch diesen Bericht inspiriert.
Ich hoffe es.
 
 
Do you remember Fitzcarraldo? Werner Herzog's 1982 film starring Klaus Kinski? In it, the main character had a ship pulled over a mountain. He had a goal: to bypass the rapids of one river he was on, so he could then enter the wider waters of the other river, his destination. A mountain lay between them. It had to be overcome. The film scenes were powerful back then. So were the foul-mouthed arguments Kinski sparked on set. Allegedly, the indigenous people working on the set even offered to kill Kinski if Werner Herzog wanted. They were so shocked by the actor's behavior.
Somehow, I couldn't help but think of Fitzcarraldo when I first heard the story I want to tell you today. The ship, but also Kinski himself, who, in my mind's eye, could have played a leading role in this story as well. Of course, he'd have to wear his helmet from Aguirre, the Wrath of God (1972). That would even be a pretty good match.
The operation is called "Galeas per montes." It took place in 1439 and simply means transporting the galleys over the mountains. From the Adige Valley, over the mountains, to the northern part of Lake Garda.
Please imagine it like a film. You see Venice, St. Mark's Square, the Doge, surrounded by an enthusiastic crowd, bidding farewell to the ships. They bob at the quay. Final preparations are underway. At the same time, right now, the Doge has his arms wide open and, like a battle cry, shouts out the signal: "Galeas per montes!!!"
The crowd cheers, elevates him, and even the petty pickpocket sneaking through the throng has to agree: Yes, if you're a naval power, you have to take your special weapon to where no one would expect it in order to win. And what could be easier than transporting ships over the mountains at the beginning of the 15th century?
I'm sure you'll agree with me that this is all quite epic; and it's also an event that would generally be considered "exaggerated" if one were to think of making a film of it. But the depiction isn't exaggerated, it's real.
Should you, my dear readers, be traveling to Lake Garda anytime soon, I recommend taking the Brenner motorway exit at Mori (Trentino), then taking the SS240 to reach Torbole via Loppio, on the northeastern shore of Lake Garda.
These are precisely the same 15 kilometers that the galleys used.
At the beginning of the 15th century, three states in northern Italy were in direct competition to expand their spheres of influence. There was, on the one hand, the Duchy of Milan, ruled by the Visconti family, and on the other hand, the two republics of Florence and Venice. In 1423, Filippo Mari Visconti thought it best to expand Venice's borders into Romagna, knowing full well that this region was within the sphere of influence of the Republic of Florence. The city appealed to Venice for help. This led to the Lombard Wars, which were finally settled in 1454 with the Peace of Lodi.
Venice had secured footholds in Lombardy with the occupation of Brescia (1426) and Bergamo (1428). In 1438, the Milanese stood before the gates of Brescia, intent on putting an end to the siege. The Venetian garrison of Brescia, under the condottiere Gattamelata, eventually retreated to Verona via a circuitous route over the mountains. The city itself did not surrender. Consequently, the Venetians felt compelled to take some action to finally dislodge the city. This gave rise to the idea of ​​seeking a decisive battle on the water, specifically on the largest body of water in the region, Lake Garda. Unfortunately, no Venetian warship was present at that time. The southern part of the lake, the eastern part, and the tributaries of the Mincio River were under Milanese control, and the Milanese did indeed have ships stationed there. This made it impossible to transport a Venetian fleet from the Adriatic Sea, via the Po and the Mincio Rivers, into the lake. Then someone had the idea of ​​approaching from the north. There was a direct connection to the Adige Valley, and then, well, then all that was left was to get over the mountain.
No sooner said than done.
2,000 draft animals were organized, several hundred men were recruited, the path was cleared, trees were felled, and the ground was leveled. The ships arrived in Mori. The smaller ones were loaded onto carts, the larger ships were transported further using logs.
By the way, we're talking about 25 larger boats and six galleys of varying sizes. A real fleet!
The first 7 km involved climbing 70 meters in altitude. That doesn't sound like much. But consider the number of ships. Then the boats were relaunched at Lake Loppio, which today is just a marshland. From there, they moved to the other shore below the Passo San Giovanni. Using winches, and even the sails, they then ascended the steep slope. Three galleys could be brought to the pass each day. Then came the descent, also dangerous. The boats had to be lowered in a controlled manner by rope. A huge undertaking. Corners of houses at the pass summit in Nago had to be demolished so the ships could navigate the bends. Of course, rocks obstructing the narrow gorge had to be cleared away during the ascent and descent.
Finally, 18 days after landing in Mori, the fleet reached Torbole in March 1439 and was launched.
Several naval battles with the Milanese ensued on Lake Garda. In September, the majority of the fleet was lost off Maderno.
But the tactic had proven successful. A new fleet was now being built in Torbole itself. The partially prefabricated materials for its construction had again been transported to Lake Garda via the same route. In April 1440, this Venetian fleet decisively defeated the Milanese off Riva del Garda. The entire Lake Garda was now under Venetian control. Brescia was relieved, and the siege was lifted.
An impressive story. Just imagine Kinski cursing in his Aguirre helmet, riding back and forth, calling everyone an "asshole," furiously smashing things, and then, at the end of the film, sailing to his death on the flagship, looking completely insane. That would be pure popcorn cinema.
Now it's your turn.
Could that be done in tabletop gaming? I have no idea.
If it were possible, Don Voss would surely have built something by now. That would be right up your alley, Don, wouldn't it?
But I can't explain why there isn't a large diorama on this topic yet. A diorama consisting of several parts: 1. The fleet is being prepared 2. The first ascent 3. On Lake Loppio 4. The climb to the pass 5. Down to Torbole 6. The sea battle.
Something like that would look really good.
Well, maybe someone will be inspired by this report.
I hope so.

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